
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Benötigte Hard- und Software
- Einstellung von ARTA
- Messungen mit ARTA
- Messung des Phono Vorverstärkers
- Messung des Azimut
Einleitung
13. Juni 2026
Der Azimut beschreibt die Winkelstellung des Tonabnehmers um die Längsachse des Tonarms, also die seitliche Neigung des Systems relativ zur Schallplattenoberfläche. Im Idealfall steht der Nadelträger exakt senkrecht zur Platte, sodass die Abtastnadel beide Rillenflanken mit identischem Winkel und gleichmäßiger Kraft berührt. Da bei der Stereo-Schallplatte die beiden Audiokanäle in den gegenüberliegenden Flanken der Rille gespeichert sind, ist diese geometrische Ausrichtung von zentraler Bedeutung für eine präzise Signalgewinnung.
Physikalisch betrachtet arbeitet die Abtastnadel als mechanischer Wandler, der feinste laterale und vertikale Bewegungen der Rillenmodulation in elektrische Signale umsetzt. Die Schallplattenrille besitzt bei Stereoaufnahmen zwei Flanken mit einem Winkel von jeweils 45° zur Vertikalen. Die Modulation der linken Rillenflanke trägt den linken Kanal, die rechte entsprechend den rechten Kanal. Nur wenn die Nadel exakt symmetrisch in der Rille steht, können beide Informationsanteile mit gleicher mechanischer Kopplung aufgenommen werden.
Ist der Azimut fehlerhaft eingestellt, verändert sich die Kraftverteilung zwischen den beiden Kontaktpunkten der Nadel an den Rillenflanken. Eine Seite wird stärker belastet als die andere, wodurch unterschiedliche Kontaktflächen und variierende Reibungsverhältnisse entstehen. Dadurch erhöht sich nicht nur der Verschleiß an Nadel und Schallplatte, sondern es treten auch elektrische Pegeldifferenzen zwischen den Kanälen auf. Zusätzlich verschlechtert sich die Kanaltrennung, weil mechanische Bewegungen einer Rillenflanke teilweise auf den jeweils anderen Kanal übertragen werden. Dieses sogenannte Übersprechen führt zu einer geringeren räumlichen Präzision und zu Phasenfehlern im Stereobild.
Ein weiterer physikalischer Aspekt betrifft die Kontaktgeometrie der Abtastnadel. Moderne Nadelschliffe wie MicroLine-, Shibata- oder Fine-Line-Schliffe besitzen besonders kleine und präzise definierte Kontaktflächen. Dadurch reagieren sie empfindlicher auf Azimutfehler als einfache sphärische Nadeln. Schon minimale Winkelabweichungen verändern die effektive Kontaktfläche zwischen Diamant und Rille, wodurch sich die lokale Flächenpressung erhöht. Dies kann zu erhöhten Verzerrungen bei hohen Frequenzen sowie zu asymmetrischem Verschleiß führen.
Auch dynamisch wirkt sich der Azimut auf das Resonanz- und Schwingungsverhalten des gesamten Systems aus. Da die Nadel permanent mikroskopischen Beschleunigungen folgt, entstehen komplexe Kraftvektoren zwischen Rille, Nadelträger und Generator. Bei schiefer Stellung werden diese Kräfte nicht mehr gleichmäßig entlang der konstruktiven Achsen des Tonabnehmers eingeleitet. Das kann zu unerwünschten Torsionsbewegungen des Nadelträgers führen und die Linearität der Signalwandlung beeinträchtigen.
Die Einstellung des Azimuts erfolgt zunächst meist optisch, indem der Tonabnehmer bei abgesenkter Nadel exakt senkrecht zur Schallplattenoberfläche ausgerichtet wird. Für eine präzisere Justage kommen Messschallplatten und elektronische Analyseverfahren zum Einsatz. Dabei werden Kanalbalance, Übersprechdämpfung und Phasenlage gemessen, um den optimalen Winkel mit maximaler Kanaltrennung und minimalen Verzerrungen zu bestimmen.
Insbesondere bei hochwertigen analogen Wiedergabesystemen zählt der Azimut deshalb zu den entscheidenden Feinjustagen. Seine korrekte Einstellung verbessert nicht nur die technische Präzision der Abtastung, sondern beeinflusst unmittelbar die räumliche Darstellung, die Detailauflösung und die Natürlichkeit der Musikwiedergabe.
Benötigte Hard- und Software
11. Juni 2026
Was wird also konkret benötigt, um eine verlässliche Azimut-Messung durchführen zu können?
- einen PC mit einer halbwegs ordentlichen Soundkarte
- ARTA – Audio Measurement and Analysis Software
- eine Testschallplatte mit geeigneten Testsignalen
Ich denke, die meisten von uns werden einen PC besitzen, in dem eine Soundkarte integriert ist. Die Eingänge der Soundkarte werden an die Tape- oder Vorverstärkerausgänge angeschlossen. Natürlich kann man auch die Phono-Vorstufe direkt mit der Soundkarte verbinden.
ARTA kann von der Homepage heruntergeladen werden. Die Weiterentwicklung der Software wurde inzwischen eingestellt. Die letzte Version 1.9.8 steht als Freeware zur Verfügung.
Was jetzt noch fehlt, ist eine Schallplatte mit Testsignalen. Ich nutze dafür die Testschallplatte TLP-1 von Sperling Audio. Die gibt es für relativ kleines Geld im dortigen Shop zu kaufen. Diese Schallplatte hat einen 1kHz Stereo Ton mit 33,3rpm auf der einen und ein entsprechendes Signal mit 45rpm auf der anderen Seite. Die Signale haben eine lange Laufzeit und so kann man sich in Ruhe der Messung widmen. Nutzt man übliche Testschallplatten, sind die nutzbaren Signale in der Regel viel zu kurz.
Einstellung von ARTA
11. Juni 2026
Bevor es an die Messung des Azimut gehen kann, wird man erst einmal ein paar grundsätzliche Einstellungen in ARTA vornehmen müssen.
Zuerst muss man die Soundkarte richtiger die Treiber der Soundkarte im Audio Devices Setup von ARTA einstellen. Dies ist im Kapitel 1.4 des Handbuches sehr umfangreich beschrieben.
Anschließend geht es an die Kalibrierung der Ein- und Ausgänge der Soundkarte. Dies wird im Kapitel 1.5 Calibration behandelt. ARTA verwendet für seine Messungen den linken Kanal zur Signalerzeugung. Als erstes wird im Kapitel 1.5.1 beschrieben, wie das Ausgangssignal mithilfe eines externen Messgerätes eingestellt wird. Uns interessiert allerdings der absolute Messwert nicht wirklich, für die Messung des Azimut reicht eine genaue relative Messung vollkommen aus.
Was genau heißt das jetzt?
Wie exakt der Ausgangspegel der Soundkarte ist, hat keinen Einfluss auf die Messung des Azimut. Wichtig ist, dass beide Eingangskanäle möglichst exakt übereinstimmen. Unser Messsignal kommt ja zudem nicht von der Soundkarte, sondern von der Testschallplatte.
Man kann also die Anweisungen unter 1.5.1 Calibration of Soundcard Output Left Channel beruhigt überspringen und mit dem unkalibrierten Ausgangssignal des linken Kanals der Soundkarte die beiden Eingänge kalibrieren, so wie es unter 1.5.2 Calibration of Soundcard Input Channels beschrieben ist. Damit haben die unten angezeigten Messwerte sicherlich eine Abweichung vom tatsächlichen Wert, wichtig ist aber nur, das sich beide Kanäle gleich verhalten und uns eine exakte Differenz anzeigen. Und genau das wird erreicht, wenn man die Kalibrierung wie gerade beschrieben durchführt.
Selbstverständlich ist es auch nicht verkehrt, wenn man ein entsprechendes Messgerät zur Verfügung hat, das man den Ausgang der Soundkarte ebenfalls kalibriert.
Der Abgleich der Eingangskanäle meines ADC’s (RME ADI-2) zeigte, das sie eine Abweichung von 0,036dB voneinander haben, ein sehr ordentlicher Wert. Dieses Ergebnis wird nach der Kalibrierung durch ARTA in Messungen mit eingerechnet.
ARTA hat eine sehr gelungene, wenn auch sehr akademisch angehauchte Dokumentation in Englisch und unter Support findet man zudem eine sehr schöne Anleitung in Deutsch. Die Konfiguration sollte damit leicht von der Hand gehen.
Ergänzung
In der Zwischenzeit nutze ich meine Lynx Aurora(n) für alle Messungen. Ich habe meine obige Beschreibung vom Juli 2020 aber bewusst nicht geändert, da sie sicherlich für den größten Teil des Equipments zutreffen wird. Das Gleiche gilt für die folgenden Beschreibungen.
Messungen mit ARTA
11. Juni 2026
Für die nachfolgenden Messung öffnet man ARTA und ruft unter dem Menüpunkt Tools die Messung Two channel level meter auf. Es öffnet sich die Dialog Box Level Meter and Third Octave Analyzer. Die Beschreibung zu dieser Funktion befindet sich im Kapitel 9.6 des Handbuchs auf Seite 186.
In der Dialog Box auf der rechten Seite unten sollte unter 1/3 octave display die Auswahl LEFT and RIGHT levels ausgewählt sein. Ist das der Fall, legt man die Testschallplatte auf und drückt den Button Record/Reset. Damit beginnt die Messung und man erhält nach kurzer Zeit einen stabilen Messwert, den man grafisch und als Zahlenwert rechts oben im Fenster ausgegeben bekommt.
Man sollte bei der Messung auch ein Augenmerk auf die Aussteuerung legen. Ist das Eingangssignal übersteuert, kann man natürlich kein vernünftiges Messergebnis erwarten.
Messung des Phono Vorverstärkers
04. Oktober 2020
Nicht nur bei der zur Messung verwendeten Soundkarte müssen beide Kanäle einen exakt gleichen Verstärkungsfaktor aufweisen, auch bei der Phono Vorstufe sollte das der Fall sein. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit bei unseren High-End Geräten, aber ich habe es leider viel zu oft anders erlebt. Da ich meine Phono Vorstufe selbst gebaut habe, weiß ich, das sie diese Anforderung erfüllt.
Ist man sich unsicher, kann man dies mit ARTA nachmessen. Dazu verwendet man die Testschallplatte und in ARTA die oben beschriebene Messung. Man verbindet nur einen Kanal des Tonabnehmers mit seinem Vorverstärker – welcher ist egal – und misst den Pegel. Anschließend wird der gleiche Anschluss mit dem anderen Kanal der Phono Vorstufe verbunden. Der nun gemessene Pegel sollte exakt dem der ersten Messung entsprechen. Ist das nicht der Fall, so beschreibt die Differenz die Abweichung zwischen den beiden Kanälen bei der Messfrequenz, bei mir also bei 1kHz.
Als Demonstration habe ich hier mal die beiden MC-Eingänge der DPV1 auf die oben beschriebene Weise vermessen. Als Eingangssignal verwendete ich den rechten Kanal des jeweiligen Tonabnehmers.


Die beiden Kanäle des ersten MC-Einganges laufen mit einem Unterschied von 0,05dB. Damit kann man sehr zufrieden sein.


Auch die Kanäle des zweiten MC-Einganges haben die gleiche Abweichung (0,05dB). Allerdings haben wir hier einen um ca. 0,5dB höheren Pegel. Die Ursache dafür ist die Verwendung von 2 unterschiedlichen Tonabnehmern und einem anderen Verstärkungsfaktor.
Hat man eine Abweichung zwischen den Kanälen seiner Phono Vorstufe ermittelt, kann man die gemessene Differenz bei der Bestimmung des Azimut als Korrekturwert verwenden.
Messung des Azimut
19. Oktober 2020
Bei der Azimut-Messung werden beide Kanäle des Phono-Vorverstärkers verbunden. Anschließend spielt man die Messschallplatte ab und ruft die oben beschriebene Messung auf. Der Pegel für beide Kanäle wird angezeigt.
Im Idealfall sind die Werte für den linken und rechten Kanal gleich groß. Unterscheiden sie sich merklich, stimmt der Azimut nicht und das System muss nach links oder rechts gedreht werden.

Auf dem Bild oben sieht man die Messung des MC1 Einganges vor der Einstellung des Azimut. Der linke Kanal ist um 0,51dB lauter als der rechte. Der Wert ist gar nicht mal so schlecht. Es spricht für die Montage des Tonabnehmers beim Hersteller und für meine Justage.

Nach der Einstellung habe ich eine gemessene Abweichung von 0,07dB. Rechnet man in dieses Ergebnis noch die Differenz der beiden MC1 Kanäle mit ein, ergibt sich ein Unterschied von 0,02dB. Bei einer solch geringen Abweichung zwischen den Kanälen kann man davon ausgehen, dass die Nadel exakt senkrecht zur Platte steht.
Die ursprüngliche Differenz zwischen den Kanälen lag ja bei nur ca. 0,5dB. Ich hatte demzufolge nicht wirklich mit einer Verbesserung gerechnet. Den Gewinn durch die exakte Einstellung des Azimut würde ich jetzt nicht als dramatisch beschreiben, aber als mehr als deutlich.

Nach der Einstellung ergibt sich für MC2 eine Abweichung von 0,06dB. Rechnet man auch hier die Differenz zwischen den Audio Kanälen mit ein, ergibt sich ein Unterschied der Kanäle von 0,01dB. Das audiophile Ergebnis ist vergleichbar mit dem von MC1.
